04.10.2016
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«Aufwertung» in der Flugschneise

Der Kanton Zürich und die Gemeinde Höri wollen ein Wohnquartier aufwerten. Die Bewohner wehren sich, da günstige Wohnungen zu verschwinden drohen.

«Das haben die sehr raffiniert gemacht», sagt Ruth Schumacher. Die 62-Jährige steht etwas benommen im Foyer des Schulhauses von Höri ZH, in dem soeben über die Zukunft ihres Quartiers abgestimmt wurde. Schumacher lebt seit 1968 im Bückler-Gentert. Sie hat ihre beiden Kinder dort gross gezogen. Ab dieser Stunde ist unklar, wie lange sie noch dort wohnen darf.

Wohnungen werden doppelt so teuer

Dieses Quartier wird in anderen Teilen des Dorfs auch «Ghetto» genannt. Viele der Menschen, die in den 242 Blockwohnungen leben, sind pensioniert, fremdsprachig oder haben eine unterdurchschnittlich bezahlte Arbeit. Für eine kleine 4,5-Zimmerwohnung bezahlt man rund 900 Franken – vorausgesetzt, man lebt schon länger da. Denn neuerdings würden die Wohnungen ein wenig ausgebessert, «und dann für 1700 Franken weiter vermietet», erzählt Ruth Schumacher.

«Den Leuten hier ist Angst und Bange.»

Die Pläne für grosse Wohnneubauten in der Zürcher Gemeinde Höri sorgen bei den Betroffenen für Verunsicherung.
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Die Pläne für grosse Wohnneubauten in der Zürcher Gemeinde Höri sorgen bei den Betroffenen für Verunsicherung.

Es ist der 21. September, und die Stimmberechtigten entscheiden, ob das fluglärmbelastete Quartier aufgewertet werden soll. Der Gemeinderat – fünf Männer, davon zwei parteilos, drei SVP, fast alle aus dem «besseren» Ortsteil Oberhöri – hatte die Vorlage zur Annahme empfohlen. Die bestehenden, in die Jahre gekommenen Gebäude sollen höher und breiter werden. Und mehr Rendite abwerfen. Die Menschen im Quartier fürchten, dass die alten Wohnblöcke durch teure Neubauten ersetzt werden. Sie müssten wohl fortziehen. «Jedes Mal, wenn ein Bagger die Strasse hoch fährt, wird den Leuten hier Angst und Bange», sagt der Pensionär Ernst Gyger, der schon seit 46 Jahren im Quartier lebt. Zu recht: Wohin sollen sie auch?

Viele Bewohner bezahlen Steuern und haben kein Stimmrecht

123 Stimmberechtigte sind zur Abstimmung erschienen. Viele von ihnen seien zum ersten Mal überhaupt an einer Gemeindeversammlung, sagt Ron Halbright vom Empowerment-Verein NCBI. Dieser unterstützt die Menschen im Quartier darin, ihre Interessen zu vertreten. Es sind Menschen, die es sich nicht gewohnt sind, dass man sie nach ihrer Meinung fragt. Sie bezahlen zwar Steuern. Viele von ihnen dürfen aber nicht abstimmen, auch an diesem Abend nicht. Und diejenigen, die durften, wurden abgeklemmt.

SVP will Aufwertung vorantreiben

So lief die Gemeindeversammlung ab: Bauvorstand und Gemeindepräsident stellten den Gestaltungsplan vor. Eine kritische Stimme wird angehört und beschwichtigt. Der Gemeinderat will zur Abstimmung schreiten. Da meldet sich Ruth Schumacher zu Wort. Sie liest im Namen des Vereins den Rückweisungsantrag vor. Denn es ist so: Der Kanton hat zwar den Betroffenen zugesichert, nicht rausgeschmissen zu werden in den nächsten fünfzehn Jahren. Aber rechtlich verbindlich ist diese Aussage nicht. Ausserdem würde es doch Sinn machen, den Gestaltungsplan erst im Jahr 2017 zu behandeln. Ab dann können die Gemeinden im Kanton Zürich günstigen Wohnraum sichern. 

Als die Punkte diskutiert werden sollen, behauptet Gemeindepräsident Roger Götz: «Ein Rückweisungsantrag ist ein Ordnungsantrag, über den sofort abgestimmt wird.» Ausserdem seien einige Elemente darin «nicht genehmigungsfähig». «Wir stimmen jetzt ab.» Ende der Diskussion, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Die Rückweisung scheitert knapp mit 55 zu 66 Stimmen. Der Gestaltungsplan wird angenommen. 

Auch Ernst Gyger wirkt nach der Versammlung benommen: «Ich hätte mehr Fairness vom Gemeindepräsidenten erwartet. Ich wollte etwas sagen.» Er hält einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 2010 in den Händen. Darin steht: «Das Dorf will keine Elendsviertel.» Und weiter: «Wir müssen Leute aus der Mittelschicht anlocken und auf diese Weise die Schicht der Bewohner im Bückler anheben.» 

Esther Banz

Drei Fragen an Walter Angst

Wie geht es nach dem Ja zum Gestaltungsplan weiter?
60 Prozent der 242 Wohnungen und fast alle nach Annahme des Gestaltungsplans bebaubaren Baufelder gehören dem Immobilienamt des Kantons Zürich. Der Kanton hat die Bewirtschaftung der Wohnungen einer Verwaltung übertragen, die den Unterhalt vernachlässigt. Die aufgestauten Unterhaltsarbeiten müssen sofort ausgeführt werden.

Wird der Kanton dazu Hand bieten?
Das hat er dem Quartierverein versprochen. Das Immobilienamt hat auch zugesichert, dass eine neue Verwaltung ausgewählt werde und die bestehenden Häuser in den nächsten Jahren sanft saniert würden. All das liegt schriftlich vor. Darauf muss man den Kanton verpflichten.

Wie soll das gehen?
Indem wir dran bleiben. Der Quartierverein, die Mietenden, die Unterstützer und wir vom MV. Ich glaube auch, dass der Gemeinderat das Quartier nach der abgeklemmten Diskussion an der Gemeindeversammlung nicht im Regen stehen lassen wird.