
26.03.2026
Die Mietkrise spitzt sich zu
Eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist für viele Menschen in der Schweiz zur Stressprüfung geworden. Das zeigt die neue, gross angelegte Umfrage des Mieterinnen- und Mieterverbandes Schweiz.
Die Langzeitmiete ist in der Schweiz die Regel. Wer einmal fündig geworden ist, zieht oft lange nicht mehr um: 39 Prozent der Befragten haben angegeben, schon über 6 Jahre in derselben Wohnung zu wohnen. 15 Prozent schon über 21 Jahre.
Das hat viel mit der angespannten Situation zu tun: 72 Prozent berichten, dass die letzte Suche nach einer bezahlbaren Mietwohnung «eher schwierig» oder «sehr schwierig» war. Das gilt in grösseren Städten genauso wie auf dem Land, in der Deutschschweiz wie in der Romandie und im Tessin. Regionale Unterschiede gibt es – aber nirgends ist die Wohnungssuche für die Mehrheit einfach.
Für 72% ist die Wohnungssuche schwierig
Hohe finanzielle Belastung und Probleme mit der Vermieterschaft
Die Miete verschlingt bei vielen Haushalten zwischen 20 und 40 Prozent des Einkommens. Ein nicht zu unterschätzender Teil liegt sogar darüber. Damit stehen Mieten in Konkurrenz zu steigenden Kosten für Energie, Krankenkassen, Lebensmittel – und Mieter*innen geraten unter Druck, in anderen Lebensbereichen sparen zu müssen.
Ein schweizweites Phänomen
Hohe Kosten und viele wagen es nicht, sich zu wehren: Die grosse Wohnumfrage mit 34'441 Teilnehmenden, die der MVS in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Sotomo durchgeführt hat, zeigt alarmierende Resultate: Mietende stehen im ganzen Land unter Druck – und viele trauen sich nicht, ihre Rechte einzufordern.
Vermieterschaft löst Probleme längst nicht immer
Hinzu kommen Konflikte im laufenden Mietverhältnis: Gut zwei Drittel der Befragten sagen, sie hätten (oder hatten) Probleme mit der Vermieterschaft. Am häufigsten genannt werden:
- mangelnder Unterhalt und verzögerte oder verweigerte Reparaturen,
- Mängel an der Wohnung,
- Streit um Nebenkostenabrechnungen,
- Mietzinserhöhungen,
- nicht erhaltene Mietzinsreduktion bei einer Referenzzinssenkung.
Besonders brisant: Im Durchschnitt geben mehr Personen an, dass ihre Probleme nicht gelöst wurden, als dass sie eine Lösung gefunden hätten. Oft setzt sich die Vermieterseite durch, ohne dass der Rechtsweg beschritten wird. Das deutet auf ein strukturelles Machtungleichgewicht hin – auch deshalb, weil viele Mieter*innen den Konflikt aus Angst vor Repressionen scheuen.
Mehrheit sieht Vermieterseite im Vorteil
Auf die Frage, wen das Mietrecht bevorzuge, antworten 58 Prozent: die Vermietenden. Besonders deutlich wird das bei konkreten Instrumenten:
• Nach Senkungen des Referenzzinssatzes wehrt sich fast die Hälfte der Befragten gar nicht – obwohl Anspruch auf Mietzinssenkung bestehen könnte. Die Gründe dafür: Angst vor einem belasteten Verhältnis zur Vermieterschaft, die Erwartung eines Konflikts oder Unkenntnis der eigenen Rechte.
• Nur 5 Prozent haben jemals den Anfangsmietzins angefochten – meist aus denselben Gründen: Man kennt den Vormietzins nicht, weiss nicht um die Möglichkeit der Anfechtung oder «findet es nicht notwendig». Von denjenigen, die den Vormietzins angefochten haben, waren jedoch 45 Prozent erfolgreich, was wiederum das Potenzial einer Mietzinsüberprüfung aufzeigt.
Rechte existieren auf dem Papier, werden aber in der Praxis oft nicht genutzt – weil das Risiko, die Gegenpartei zu verärgern, als zu hoch eingeschätzt wird und Informationen fehlen. Wer handelt, kann jedoch viel Geld sparen. Der individuelle Weg ist aber für viele Mieter*innen zu aufwendig und mit grossen Unsicherheiten verbunden.
Kündigungsangst: Minderheit – aber mit klaren Gründen
Ein Viertel der Befragten sagt, sie fürchteten sich vor einer Kündigung durch die Vermieterschaft. Diese 23 Prozent nennen vor allem einen Grund: anstehende oder befürchtete Sanierungen. Viele verbinden bauliche Erneuerungen unmittelbar mit Verdrängung. Hinzu kommen Ängste vor Eigenbedarfskündigungen oder sogenannten «Rachekündigungen» nach Konflikten.

Die Mietpreis-Initiative fordert faire Mieten und die regelmässige Kontrolle der Mietpreise. Foto: MVS
Breite Zustimmung zu stärkeren Eingriffen
Die politischen Erwartungen der Mieter*innen sind klar. In der Befragung erhalten verschiedene Forderungen sehr hohe Zustimmung. Hinter den meisten Forderungen stehen mehr als 8 von 10 Befragten, etwa:
- Automatische Weitergabe von Mietzinssenkungen bei Senkung des Referenzzinssatzes – ohne dass Mieter*innen aktiv klagen müssen.
- Mietpreiskontrolle und Kontrolle der Renditen: Mieten sollen auf missbräuchliche Renditen geprüft und überhöhte Profite begrenzt werden.
- Mehr gemeinnütziger und genossenschaftlicher Wohnraum zur Dämpfung des allgemeinen Mietniveaus.
- Strengerer Kündigungsschutz, insbesondere bei Sanierungen und Umnutzungen.
Solange diese Schritte ausbleiben, bleibt die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung für viele Menschen ein Lotteriespiel, mit immer höheren Einsätzen.